"Du studierst also Jura?!"

2/04/2016




Wie die Überschrift schon mehr oder weniger verdeutlicht... ja, ich studiere Jura. Es gibt zwei verschiedene Arten diese Frage zu stellen: Einerseits gibt es die Personen, die wirklich überrascht sind und sich für die Materie interessieren. Andererseits wurde mir diese Frage auch schon mit einem gewissen Unterton gestellt, wodurch man sofort merkt, dass der Gegenüber von Vorurteilen und Klischees geprägt ist. Da ich auch schon über Instagram einige Fragen zu diesem Thema bekam, habe ich mich heute entschlossen euch mal ein bisschen darüber zu erzählen.

Momentan studiere ich im fünften Semester Rechtswissenschaften in Bayern und habe das Studium ehrlich gesagt mit gemischten Gefühlen begonnen. Jeder hat natürlich seinen Senf dazugegeben und wirklich unnötige und vollkommen sinnlose Kommentare abgegeben, aber das sollte man einfach ausblenden. Schon vor vielen Jahren auf dem Geburtstag meiner Firmpatin saßen wir gemütlich im Garten und wie das so ist, kamen viele Gesprächsthemen zur Sprache - unter anderem auch der Beruf ihrer Freundin: Richterin. Damals habe ich zum ersten Mal gemerkt, wie sehr mich dieses Berufsbild begeistert und wie unglaublich komplex, aber auch interessant es sein kann. Das war ein paar Jahre bevor ich mein Abitur gemacht hatte und zu dieser Zeit war ich noch vollkommen darauf fixiert, einen kreativen Beruf, wie beispielsweise Architektin, zu erlernen bzw. zu studieren. Wie es der Zufall (und das war wirklich purer Zufall!) es so wollte, kam ich allerdings zu dem Studiengang Jura. Viele Personen, ob sie mich jetzt nun kannten oder nicht, glaubten nicht ernsthaft daran, dass ich das wirklich gerne studieren würde und überhaupt schaffen könnte. Ich war damals selbst noch sehr unsicher, da ich nicht wusste, was denn nun wirklich auf mich zukommt, also blieb ich ruhig, aber ließ mich nicht von unwissenden Personen beirren.
So begann dann auch das erste Semester und zu meinem Erstaunen machte es mir wirklich richtig Spaß.. ja Spaß - Jura und Spaß.

Natürlich gibt es diese Themengebiete, Vorlesungen usw., die mich mal weniger oder mal mehr interessieren. Auf manche Fächer könnte ich auch mit Vergnügen verzichten, aber so geht es denke ich jedem. Viele denken natürlich, Jura sei 'trocken' und einfach nur stures Auswendiglernen der Paragraphen. Als ich in der ersten Vorlesung meines Studiums saß, stand der Professor vorne an seinem Redepult und sagte: 'Ich werde euch nun ein paar Dinge zu dem Studiengang Rechtswissenschaften sagen: 1. werden hier keine Paragraphen auswendig gelernt! Ich bin Professor und habe in meiner Laufbahn keinen einzigen auswendig gelernt. 2. Die Personen rechts und links neben euch werden bald nicht mehr hier sein." Darauf musste ich erstmal schlucken, einerseits aus Erleichterung, andererseits aus Angst. Das mit der Paragraphen-Auswendiglernerei ist der größte Bullshit überhaupt. Egal wer euch das eintrichtern will... diese Person hat keine Ahnung! Was hätten die Gesetzestexte für einen Sinn, wenn wir alles, was darin steht, auswendig aufsagen könnten? Natürlich gibt es viel zum Lernen und teilweise auch zum Auswendiglernen. Schemata, Definitionen sollte man im Schlaf aufsagen können und selbstverständlich sollte man auch wissen, wo die Normen stehen, die in Betracht kommen könnten. Außerdem ist die Juristerei nicht im Geringsten 'trocken', denn wir arbeiten das ganze Studium lang nur mit Fällen, die teilweise so oder in ähnlicher Form passiert sind und einem den Bezug zur Realität nochmal richtig verdeutlichen. Selbst in der Prüfung wird einem ein Fall vorgelegt, den man in einem Gutachten bearbeiten und, je nach Belieben des Professors, noch ein paar Fragen zu dem Themengebiet beantworten muss. Neben den Definitionen und Schemata ist die Schwerpunktsetzung das Wichtigste überhaupt. In einem Gutachten wird nur das ausgeführt, was problematisch ist. Alles andere wird kurz und knapp abgehandelt. Zudem gibt die Rechtssprechung, die Literatur oder andere Ansichten immer ihren Senf zu jedem Thema, was man im besten Fall auch noch im Kopf haben und an der richtigen Stelle diskutieren sollte. Natürlich würde es jetzt den Rahmen sprengen, wenn ich genau auf die Bearbeitung und den Verlauf des Studiums eingehen würde. Ich möchte durch diesen Eintrag einfach grob verständlich machen, um was es bei dem Studiengang Jura geht.

Was wäre dieser Blogeintrag, wenn ich mich nicht zu den ganzen Klischees äußern würde. Bestimmt 90% der Leser dieses Posts denken bei dem Gedanken 'Jurist' an Studenten mit gegelten Haaren, Poloshirts, Bootsschuhen und Burberry-Schal. Ja natürlich laufen da auch einige dieser Sorte in diesem Studiengang herum, aber nicht ausschließlich. Wir Bayern laufen auch nicht den ganzen Tag in Trachten rum und essen jeden Tag Weißwürste mit Brezeln. Na also!

Ich habe keinen Vergleich zu anderen Studiengängen, aber natürlich muss ich dazu sagen, dass es kein Spaziergang ist Jura zu studieren. Manchmal bringt es mich wirklich zum Verzweifeln und ich würde am liebsten alle meine Gesetzestexte in die Ecke donnern. Mit diesem Blogeintrag will ich eigentlich nur vermitteln, dass man die Stärke haben sollte, etwas auszuprobieren, egal was andere darüber sagen. Einfach stark bleiben und sein Bestes geben, auch wenn es nicht immer einfach ist.